Tour: Lombok – Christmas Island / ingesamt ca. 625sm / noch 290sm 15.9.15

Für Menschen, die sich an Zahlen erfreuen können, bringt solch eine Weltumseglung viele Highlights: 1/4 rum, 1/2 rum, Wind minimal, maximal, größtes Etmal – es scheint endlos. Bloß warum diese Transparenz in Zahlen; sieht aus wie Abhetzen und nicht Angekommen sein. Aber es gibt eine Zeit auf dem Boot, die lässt Dich Ankommen – dass sind die Nächte.

Die Nächte auf dem Wasser sind wahr und ehrlich. Es ist immer das ewig gleiche Spiel. Viel zu kurz ist der Moment, wo sich der Tag verabschiedet; 1.000 mal fixiert mit der Kamera. Es ist der Moment, wo alles gut ist. Hier fängt diese Ruhe an, die sich wie eine Decke auf den Tag und auf das Gemüt legt. Hier fängt das leichte Kribbeln an; diese Zeit des ausgeliefert sein; dieser Wunsch, dass es wieder hell wird. Nur ein Hauch später ist es tief schwarz. Nichts ist mehr zu sehen. Keine zwei Meter, geschweige denn die Bugspitze ist erkennbar. Alles ist in der Schwärze der Nacht eingewickelt. Jede dieser Nächte bringt Neues; niemals ist es gleich.

Die erste Freude ist, wenn sich über uns eine Glocke voller Sterne hängt. Diese zuverlässigen Begleiter lassen sich nur selten vertreiben. Sie blitzen auch ab und zu durch eine dichte Wolkendecke durch und sagen Bescheid – wir sind noch da! Sie lassen auch manchmal den Horizont erahnen. Manchmal machen sie dich wirre – ist das dort am Horizont nun ein Stern oder ein Schiff. Oh, ein Schiff – aber ohne AIS (automatisches Signal um in der Dunkelheit für andere Schiffe erkennbar zu sein). Gleich springt das Adrenalin etwas höher. Da bemühen wir schon mal das Radar und versuchen angestrengt, etwas darauf zu erkennen. Aber das ist wohl eher ein Glücksspiel, als absolute Zuverlässigkeit. Manche Schiffe geben einfach kaum Signale ab, weil sie zu klein sind und aus Holz. Da siehst du dann ein Licht, aber kein Signal. Und ja, es schleicht sich der Gedanke ein, was ist eigentlich mit den Schiffen, die vielleicht kein Licht haben. Schiffe mit gutem Licht sind auch gute Begleiter. Klasse ist, wenn sie ordentlich mit roten (Backbord) und grün (Steuerbord) Lichtern ausgerüstet sind. Dann ist alles easy, nur leider ist das nicht immer so. Solch ein erahntes Schiff kann dich ewig beschäftigen – und dann stehst du so da und beobachtest diese tanzende Helligkeit – hoffentlich ist es bald weg. Dann lieber allein sein.

Dann gibt es die Zeit, wo du bei zuviel Wind durch die Schwärze „bretterst“ Wie ein Auto ohne Bremsen, durchgedrehter Simulator ohne Aussteigen zu können. Es ist der Moment, wo du dir einredest, die Kontrolle zu haben, sie aber nicht mehr tatsächlich hast. Du braust ins Nichts – das sind nicht die guten und ruhigen Nächte. Das sind die Nächte, wo du dir die Zeit schneller wünschst. Wo ist der Tag! Manchmal – häufig nicht vor Mitternacht – kommt der beste Kumpel der nächtlichen Segler. Der Mond. Frisch gebunkert mit dem Licht der Nacht. Wenn der Mond richtig gut drauf ist, kannst du alles sehen. Dann wird jede nächtliche Sorge klein.  So fliegt oder schleicht die dunkle Zeit dahin.

Auf meiner Wohnzimmercouch zu Hause dachte ich, dass die Nächte die Zeit der Hörspiele sind. Nett da sitzen, die Lichter suchen, die nicht da sein sollen und Hörspiele hören. Fehlanzeige. Das Gehör ist das Einzige, das wie am Tage ist. Die Geräusche sind gleich, das mit dem Sehen wollen, kann man eher lassen. Also bleiben die Hörspiele ungehört.  Proportional betrachtet hatten wir bisher eher gute, als böse Nächte. Nächte sind auch immer die Zeit, wo Monster (Genacker) und (meistens) das Monsterchen (Code Zero) schlafen dürfen. In der Nacht geht es nicht vordergründig um Schnelligkeit. Die Nacht ist ehrlicher, wichtiger – hier geht es darum, dass es morgens wieder hell wird. Je nachdem, wo du regional bist, hast du mindestens 12 Stunden Dunkelheit! 12 Stunden sind lang wie ein ganzer Tag! Wir wechseln uns in der Nacht ca. alle 5h ab. Jens bis Mitternacht, ich bis 5:00. Dann darf Jens den Tag begrüßen. Das geht genauso unerhört schnell, wie sich am Abend die Sonne davon stibitzt hat. Kaum schaffst Du es, die Kamera zu holen. Da ist sie wieder grell wie eh und je – und stellt wohl die Frage – War irgendwas? Es ist wieder hell; immer wieder gut. Und soweit es hier draußen überhaupt geht, fühlt man sich tatsächlich wieder etwas sicherer in dieser unglaublich endlosen Weite.

Heute segelten wir die 101. Nacht seid unserem Start aus Deutschland. Morgen kommen wir auf Christmas Island an – wieder in der Nacht. Bis bald Eure GarliXe