Tour: Santa Cruz – Hiva Oa – Gesamtstrecke ca. 2980sm, aktuell noch ca. 500 sm

Vor 255 Tagen sind wir in Deutschland gestartet. Bis dahin hatten wir kaum Erfahrung mit Langstrecken- oder Nachtsegeln. Ehrlich gesagt waren wir bis dahin erst ca. 4-5 Nächte gesegelt. Und da war meistens Jens am Steuer. Wir wussten also gar nicht, was auf uns zukommt. Seit dem Start damals sind wir bis heute an 55 Nächten gesegelt. Genauso wussten wir nicht, wie wir diese Wellen- und das Wetter überhaupt so vertragen. So richtig gut habe zumindest ich die kurzen, aber hohen Ostseewellen nicht vertragen.

Großen Respekt hatten (und haben) wir vor der ca. 350sm langen Strecke der Biskaya, oder auch die rd. 540sm von Lissabon nach Madeira. Das waren damals die bis dahin längsten Strecken, die wir gesegelt sind. Immer wieder gab es Steigerungen – von Las Palmas nach Kapverden, oder dann die rd. 2100sm von Kapverden in die Karibik. Und jetzt 3000sm, das klingt doch gigantisch. Unvorstellbar für uns damals auf unserer Wohnzimmercouch, als wir diese lange Strecke in unsere Exceltabellen eingetragen haben. Und nun haben wir sie fast geschafft, gefühlt können wir schon die Fender rausholen.

Ist und war alles easy? Die Antwort hat wohl eine große Spanne von „ja, kein Problem“ bis „über Manches sollte man nicht nachdenken“. Cruising – Passatsegeln ist so eine 80:20 Angelegenheit. Den größten Teil der Zeit macht man nicht wirklich etwas Sinnvolles. Manchmal werden Tage – vielleicht Wochen keine Segelmanöver unternommen; Kurs- und Wind – alles ist gleich. Aber es ist eben niemals völlige Sicherheit, jeder kleiner Fehler kann zur Katastrophe führen. Das ist allerdings auf jedem Gewässer der Welt gleich. Nur dass man hier angesichts der Endlosigkeit einfach keinen Plan B hat. Hier ist Nichts, überall nicht. Diese Weite ist zum Einen unglaublich ergreifend, aber andererseits ist man genauso Schutzlos.

Wir wissen nicht, ob theoretische Rettungsketten im „Fall der Fälle“ funktionieren.  Manchmal reicht ja schon ein Moment der Unaufmerksamkeit:  hier kurz ein Beispiel vom Start damals in Las Palmas. Wir sind bei wunderschönem Wetter gestartet; es war nicht wenig Wind, aber zu diesem Zeitpunkt war es nicht zu viel. Aufgrund einer notwendigen Kursänderung mussten wir eine Halse fahren. Da das bei dem Wind gefährlich ist, haben wir lieber eine „Kuhwende“ gemacht, dabei ist aber der Großbaum zurückgekommen und auf die andere Seite geknallt. Unser Sohn war aber in dem Gefahrenbereich der Großschot und er wurde mit voller Wucht erfasst und hat sich die Schulter verletzt. Er hatte unglaubliches Glück, dass nicht mehr passiert ist. Damals waren wir in Landnähe und hätten umkehren können. Wir entschieden uns aber dagegen und er ist bis zur Karibik weiter mitgekommen. Die Schmerzen in der Schulter waren aber auch 3 Monate später noch da – Gestern wurde er daran operiert. Dabei wurde auch festgestellt, dass das Gelenk sich ausgekugelt hatte, aber sich scheinbar von allein wieder an die richtige Stelle gerückt hat. An dieser Stelle möchten wir uns bei der HELIOS KLINIK JERICHOWER LAND GmbH für die ausgesprochen fachkompetente und freundliche Betreuung unseres Sohnes bedanken.

Das war nur ein kleines Beispiel, wie sich innerhalb von Sekunden die „Sonnenschein – Welt“ verändern kann. Dann aber auch die technischen Dinge hier an Bord. Ganz bestimmt weiß ich, dass ich NIEMALS solch eine Tour mitmachen würde, wenn der Käpt‘n an Bord handwerklich nichts drauf hat. Irgendwas ist immer … – die Belastung für das Boot ist erheblich, und kein Handwerker ist erreichbar!! Kleine ungelöste Dinge können dumme Situationen auslösen, kaputter Rutscher am Großsegel = Segel kommt nicht runter = ganz blöd bei Sturm, Autopilot tut es nicht mehr „megablöd“, Kartenplotter kaputt = nicht auszudenken. Endlos sind die Beispiele.. und einen guten Segelausstatter haben wir zuletzt in St. Lucia gehabt, seitdem ist das Angebot sehr reduziert – bis nicht da.

Und dann noch das Wesentliche: Das Wetter kann es sich ja auch plötzlich anders überlegen! Bisher wurden wir von unseren Wettervorhersagen nicht enttäuscht und ich klopfe „auf Holz“, dass das bitte weiter so bleibt.  Es ist schon wieder in der Nacht; kein Mond gerade, aber tausend Sterne. Einer von uns ist immer wach und passt auf, gut angeleint mit Lifeline, Rettungsweste, Funkgerät, Lifesender (soll die schlafende Mannschaft wach machen, wenn der Wachhabende über Bord geht), aber bei dieser Dunkelheit und den Wellen ist es doch fast unmöglich, jemanden wieder zu finden. Das ist alles nur Theorie; auch diese Dunkelheit hätten wir so schwarz nicht erwartet. Der Blick nach vorne sagt uns eigentlich nichts. Wir könnten nur Schiffe sehen, wenn sie gut beleuchtet sind, aber unbeleuchtete Objekte niemals.

So ist es also – die Spanne kann also reichen von „nee ist das schön“ – bis „ich will jetzt dringend nach Hause!“ In diesem Sinn sind wir auch die letzten 500sm unterwegs. Bis dahin – Eure GarliXe