Tour: Fatu Hiva / Marquesas – Fakarava / Tuamotus / rd. 540sm 9.4.15

In einer lieben Mail neulich wurde uns die Frage gestellt „Was vermisst Ihr eigentlich noch?“ Darüber haben wir lange nachgedacht; gibt es etwas, was wir vermissen? So einfach ist das wohl nicht zu benennen – und gar nicht kann man es isoliert beschreiben. Es geht wohl fließend über in „Vermissen“, „nicht Vermissen“, „mehr Wertschätzen“ und „was wir vermissen werden“.

Manchmal vermissen wir ganz einfache Dinge – genug Wasser, genug Strom, genug Licht (immerhin, ab 18:00 ist es hier Dunkel), Wifi jederzeit und damit den Zugang zu Wissen, eine Waschmaschine. Wir vermissen ein wenig solche Basisdinge: kurz noch mal in den Edeka fahren und alles Gewünschte liegt da… . Guter Käse, dunkles Brot – eben alles.

Aber ganz schnell gehen diese Dinge über in „mehr Wertschätzen“. Das hat wohl etwas vom Fasten; vom freiwilligen Verzichten, um gerade diese Selbstverständlichkeiten wieder mehr zu schätzen. Niemals hätten wir uns in Deutschland über ein gutes französisches Baguette so sehr gefreut, wie wir jetzt bei der Ankunft nach 3.000sm in Hiva Oa.

Wir vermissen auch die Spontaneität bei Freunde- Familienbesuche. Ich vermisse es sehr, dass wir unsere Erlebnisse nicht hautnah teilen können. Erlebnisse gemeinsam erleben, „kommt doch mal rum“. Allerdings – so seltsam es ist – mit manchen lieben Menschen haben wir jetzt mehr Kontakt als früher. Trotzdem sind Mails und Skypen nicht dasselbe. Es ersetzt nicht gemeinsame Tischrunden mit Eltern, Kinder, Verwandte und Freunde. Das vermissen wir sehr.

Wir vermissen auch die deutsche Sprache. Noch dazu, wo wir mit der Englischen solche Probleme haben. Es wird ja schon besser, aber niemals werden wir uns in einer anderen Sprache so austauschen können, wie in der Eigenen. Außerdem, gerade spricht hier jeder Französisch! Manchmal vermissen wir auch die deutsche Sprödigkeit. Wir mussten uns erst mal daran gewöhnen, dass wir nicht an Vergesslichkeit leiden, wenn völlig fremde Menschen so tun, als wenn wir gerade vom gemeinsamen Kneipenbesuch aufgestanden sind, da gräbt man schon eine Zeit im Hirn umher – woher kennst Du den Menschen nochmal?

Bei manchen Dingen hoffen wir sehr, dass wir etwas von unserem jetzigen Leben hinüberretten können. Tradition zum Beispiel. Weihnachten, Ostern bei 30°C was soll das? Wir hatten wunderbare Feste. Wir hatten Zeit und Ruhe Freude und Kleinigkeiten zu verschenken. Hatten gleichzeitig das Glück, Menschen zu begegnen, die genug Zeit und Ruhe hatten, um Freude und Kleinigkeiten zu empfangen. Trotzdem haben wir manchen lieben Menschen in diesen Tagen sehr vermisst, neben dem gedeckten Tisch mit „Weihnachtsgans und Grünkohl“.

Es gibt Dinge, die vermissen wir gar nicht. Diesen zeitlichen Druck z.B. wenn aus unwichtigen Dingen „Elefanten“ gemacht werden und für nichts anderes mehr Zeit ist. Dadurch entstand teilweise eine Oberflächlichkeit, die jeden Sach- und Fachverstand ersterben ließ. Jetzt ist Zeit, um tiefer gehend über Dinge nach zu denken, besser – nach zu lesen. Dabei vermissen wir den regelmäßigen Zugang zum Internet, zu Zeitschriften und Bücher. Uns wird in jedem Land bewusst, wie wenig wir über deren Geschichte wissen.

Irgendwann wird diese Zeit hier vorbei sein. Dann wissen wir jetzt schon, dass es auch Dinge geben wird, die wir vermissen werden. Diese Freundlichkeit und Gastfreundschaft der allermeisten Menschen, denen wir begegnet sind. Dieses „mit offenen Armen“ empfangen zu werden. Diese freundliche Geste, ein Geschenk mit zu geben und wenn es nur eine Banane von Vielen am Baum ist (in Wirklichkeit ist es eher die Bananenstaude, die z.B. gerade bei uns baumelt!). Dieser offene, lächelnde und herzliche Gesichtsausdruck. Wir haben uns bisher nirgends ernsthaft bedroht oder beneidet gefühlt; das werden wir auch vermissen!

Vermissen werden wir sicherlich diese Zeit auf dem Wasser – zumindest wenn es so friedlich ist wie gerade jetzt hier in der Nacht. Allerdings werde ich nicht die relative Bewegungsarmut auf dem Boot vermissen; mehr Sport wäre gut. Dabei nützte unser mitgebrachter Stepper gar nichts – den wir übrigens auf Fatu Hiva verschenkt haben. Bei den Schiffsbewegungen ähnelte die Nutzung von dem Ding eher einer gefährlichen Zirkusübung.

Vermissen werden wir nicht die Tatsache, dass ständig was kaputt geht. Und gar nicht vermissen werde ich den immer vorhandenen Hintergedanken: Was ist, wenn´s mal richtig schlimm wird.

Ich kann hier noch so einige Dinge auflisten: unser Leben hier ist nicht nur „eitel Sonnenschein“, hat aber eine ganze Menge davon. Allerdings muss das nicht das Rezept für alle Menschen sein.  Wir haben das Glück miteinander, dass wir diese Form der Reise beide wollen und mögen. Das wir miteinander auskommen auf diesem kleinen Raum, der bei allem Komfort klein bleibt. Letztlich ist es auch ein unbequemes Leben – spätestens ab 15kn Wind von vorne. Wenn Regen, Kälte und Müdigkeit dazu kommt, fragt man sich ernsthaft, warum man das freiwillig macht.

Wir sind jetzt noch so einige Monate unterwegs … und wir hoffen, dass wir genug von unserem „neuen Leben“ hier mitnehmen werden.

Gerade dümpeln wir auf den Weg zu den Tuamotus mit 4kn Richtung Westen. Gestern haben wir beschlossen, dass der Weg noch zu lang ist, um bei abnehmendem Wind rechtzeitig im Hellen anzukommen. Also schaukeln wir gemütlich nur mit Großsegel über das sagenhafte blaue Wasser. Rechts, links, vorne, hinten – hier gibt es NUR Wasser – auf jeden Fall ein Anblick, den wir vermissen werden.

Bis bald – Eure GarliXe